Wahrheit macht (barriere-)frei
05.04.2011 19:15Kommentare: 8
Ein ehrlicher Blick auf Werkzeuge und Workflows zum Erstellen barrierefreier PDF-Dokumente
Vom Kampf Gut gegen Böse
PDF-Dokumente zu lesen gehört zum Alltag eines Internetnutzers. Menschen mit Behinderungen wird dieser Alltag jedoch oft erschwert. Ein Großteil der Beschwerden über Barrieren im Web betrifft Informationen, die als PDF vorliegen. René Jaun, blinder Accessibility-Spezialist brachte es bei der Swiss Publishing Week 2008 einmal folgermaßen auf den Punkt:
„Wenn Satan heute geboren würde, würde er als PDF-Datei auf die Welt kommen.“
Zugegeben, die Webwelt besteht tatsächlich aus einer Vielzahl an unzugänglichen PDF-Dateien, an denen sich nicht nur Screenreader wie beispielsweise JAWS vergeblich die Zähne ausbeißen (JAWS ist nicht nur das Akronym zu „Job Access With Speech“, sondern Steven Spielbergs Film „Der weiße Hai“ hieß im Original auch so). Aber die Welt in PDF = „böse“ und HTML = „gut“ einzuteilen, trifft das Problem nicht ganz. Auch wenn es immer wieder heiß diskutiert wird – zuletzt aus Anlass einer Studie der australischen Regierung – so kann es aus Sicht der Barrierefreiheit genauso „gute“ PDF-Dateien geben wie es andererseits „böse“, sprich: nicht barrierefreie HTML-Seiten geben kann. Letztlich ist es eine Frage, inwieweit der Autor bereits beim Verfassen seines Dokumentes, aus dem später ein PDF werden soll, die Anforderungen der Barrierefreiheit beachtet. Das klingt einleuchtend, ist aber nur die halbe Wahrheit.

Sauberes Arbeiten in Word ist eine wichtige Voraussetzung für das effiziente Erstellen barrierefreier PDF-Dokumente - wie hier im Beispiel das korrekte Gliedern des Dokumentes mit Hilfe von Überschriftenebenen - aber letztlich ist dies auch nur die halbe Wahrheit.
Dieses abgeänderte Zitat wäre genauso zutreffend:
„Wenn Satan heute geboren würde, dann würde er als Textverarbeitungs-, Layout- oder PDF-Erstellungsprogramm auf die Welt kommen“
Denn auch wenn PDF sich als Format für barrierefreies Publizieren noch weiterentwickeln kann und wird, so bietet es gemäß PDF-Spezifikation bereits die Grundvoraussetzung für das Bereitstellen zugänglicher Inhalte. Man darf also nicht dem Format allein die Schuld geben. Eine weitaus größere Hürde auf dem Weg zu einer weiteren Verbreitung barrierefreier PDF-Dokumente liegt in den unzureichenden Werkzeugen für ihre Erstellung. Aber warum sind die Werkzeuge unzureichend und warum gibt es keine besseren?
Am fehlenden Markt kann es wohl nicht liegen: PDF-Dokumente sind überall zu finden. Bisher noch. Denn je lauter der Ruf nach barrierefreien Versionen wird, desto vernehmbarer wird auch die Auffassung, dass das Erstellen zu aufwändig ist und man sich daher entschieden hat, überhaupt keine PDF-Dokumenten mehr auf der Internetseite einzustellen.
Aber wie aufwändig ist das Erstellen denn nun wirklich? Genügt es nicht, einfach Überschriftenformate zu verwenden und bei der Konvertierung die ominösen Tags miterstellen zu lassen und fertig? Oder: wie könnte man den Aufwand minimieren? Als ersten Schritt auf dem Weg zu einer Antwort schauen wir uns an, wie ein barrierefreies PDF-Dokument erstellt wird.
Workflow in 8 Phasen
PDF ist ein Sekundärformat. Das bedeutet, dass ich ein Quelldokument in einem anderen Format erstelle und dieses dann in ein PDF-Dokument konvertiere. Ein idealtypischer Workflow in 8 Phasen, wie ich ihn in dem Kapitel „PDF verstehen und umsetzen“ in dem neu erschienenen Standardwerk „Barrierefreiheit verstehen und umsetzen“ (d-Punkt-Verlag 2011) ausführlich vorstelle, ist dementsprechend dreigeteilt und sieht wie folgt aus:
Im Quellformat (A)
Phase 1: Inhalte mit Strukturinformationen versehen
„Strukturiert arbeiten“ über das Verwenden von
korrekten Formatvorlagen für Überschriften, Listen, Tabellen
Phase 2: Barrierefrei
gestalten
Beispielsweise auf ausreichende Kontraste achten
Phase 3: Merkmale
der Barrierefreiheit anlegen
Beispielsweise Alternativtexte zu Fotos und Grafiken
Konvertierung (B)
Phase 4: PDF mit Tags erstellen
Im Normalfall geschieht dies „per Knopfdruck“
In Acrobat (C)
Phase 5: Zwischenprüfung durchführen
Daraus folgt eventuell eine Korrektur im Quellformat
Phase 6: Eigenschaften
vervollständigen
Dies betrifft alle Merkmale der Barrierefreiheit, die man im Quellformat nicht
anlegen konnte
Phase 7: Prüfen
die Qualitätssicherung der finalen Version
Phase 8: Sicherheit
festlegen
Kennwortschutz setzen falls notwendig gegen Änderungen an dem Dokument
Der real existierende Kompromiss
Ausgehend von unserem 8-Phasen Workflow lassen sich die Grenzen der vorhandenen Werkzeuge aufzeigen und damit auch erkennen, wo Zusatzaufwand entsteht und wie sich dieser verringern lässt. Für eine erste Betrachtung genügt ein Blick auf einen Textverarbeitungsworkflow beispielsweise mit Word 2007 und Acrobat 9 Professional. Eine ideale Programmkombination gibt es hier nicht. Jeder Workflow weist seine eigenen Vor- und Nachteile auf. Ein Zusatzaufwand besonders aus den Phasen 5 bis 8 ist immer damit verbunden.
Grundsätzlich lassen sich die Probleme folgendermaßen gliedern:
-
im Quellformat (A):
Nicht alle Merkmale der Barrierefreiheit lassen sich hier bereits anlegen. Beispielsweise ist es nicht möglich, in einer Tabelle eine Spalte mit Überschriftenzellen korrekt auszuzeichnen. -
bei der Konvertierung (B):
Selbst wenn im Quelldokument korrekt gearbeitet wurde, die Konvertierung das entsprechende Merkmal jedoch nicht unterstützt, muss nachgearbeitet werden. Beispielsweise werden bedingte Trennstriche nicht korrekt ins PDF übersetzt, so dass diese durch eine Sprachausgabe ausgegeben oder in der Umfließenansicht angezeigt werden. -
in Acrobat (C):
Bleiben wir beim Problem der Silbentrennung. Zwar gibt es in Acrobat eine Möglichkeit, einen Trennstrich durch einen bedingten Trennstrich manuell zu ersetzen. Dies ist jedoch mit unberechenbaren Layoutveränderungen verbunden – also praktisch unbrauchbar. Ganz davon abgesehen, dass diese manuellen Änderungen einen sehr hohen Zusatzaufwand bedeuten und an Arbeiten denken lassen, die eher an ein Strafgefangenlager erinnern als an freiwillig gewählte Erwerbsarbeit.
Kurz und gut: Selbst wenn der Autor also sauber und korrekt in Word gearbeitet hat, entsteht Zusatzaufwand:
-
durch eine unvollständige oder unzuverlässige Konvertierung
-
durch die Zwischenprüfung und die finale Prüfung: auch für das Prüfen gilt, dass hier ein Knopfdruck nicht genügt. Automatische Prüftools sind unterstützende Werkzeuge bei der Prüfung, können aber ein manuelles Prüfen und eine Beurteilung durch einen Menschen nicht ersetzen.
-
durch Nacharbeiten in Acrobat Professional: Acrobat Professional ist einer der wenigen Editoren zum Bearbeiten barrierefreier PDF-Dateien. Als Zusatzaufwand muss man hier immer auch das Knowhow einkalkulieren, mit diesem komplexen Programm arbeiten zu können.
Der Zusatzaufwand aus den Phasen 5 bis 8 kann manchmal sogar die Zeit übersteigen, die der Autor für das Verfassen des Dokumentes (in den Phasen 1 bis 4) investiert hat. Dass dies einer nachhaltigen Lösung nicht gerade zuträglich ist und den Kosten-Nutzen-Aspekt in den Mittelpunkt rückt, kann man sich denken.
Qualitativ hochwertige PDF-Dokumente zu erstellen erfordert ein vertieftes Fachwissen vor allem für Nacharbeit und Prüfung. Dazu zählt das Arbeiten am Tag-Baum beziehungsweise in der Strukturansicht in Acrobat. Ein Problem dabei ist, wenn man es nur ab und zu macht, wird man nie richtig gut und schnell dabei.
Zum Unvermögen der vorhandenen Werkzeuge kommt noch Pech dazu
Ok, keiner ist perfekt, könnte man hier sagen. Das gilt erst recht für Software-Produkte. Und trotzdem: wenn es um barrierefreies Publizieren geht scheitern viele Textverarbeitungs- und Layoutprogramme an elementaren Funktionen oder an Funktionen, die nur halbherzig implementiert sind. Das sind keine kleinen Fehler mehr, die sich durch minimalen Zusatzaufwand ausbügeln lassen, sondern es geht hier letztlich um die Frage, ob ein effizienter Workflow und damit auch eine breite Akzeptanz für barrierefreies Publizieren möglich ist oder nicht.
Glück oder Pech – andere nennen es Schicksal – das hat im Leben seinen Platz. Doch leider auch beim Arbeiten mit barrierefreien PDF-Dateien. Es fehlt nicht nur an bestimmten Funktionen („Unvermögen“) es fehlt auch an Funktionen mit vorausschaubaren und damit zuverlässigen Ergebnissen („Pech“). Das Glücksspiel besteht darin, ob Elemente, die im Quelldokument an der richtige Stelle stehen, dort womöglich sogar mit Bordmitteln verankert wurden, auch im Tag-Baum des PDF an der beabsichtigten Stelle eingeordnet werden. Denn selbst wenn man in Word richtig arbeitet, kann man nicht sicher sein, was im PDF herauskommt: das gilt beispielsweise für die Position von Bildern, Marginalien, Textrahmen oder Fußnoten.
Die nachhaltige Lösung
Die zentrale Frage lautet also: Wie müsste eine nachhaltige Lösung aussehen? Eine nachhaltige Lösung, die den Zusatzaufwand auf ein Mindestmaß reduziert – und zwar auf das saubere Arbeiten und das Anlegen von Barrierefreiheitsinformationen im Quelldokument (A) – müsste folgenden Anforderungen genügen:
-
eine Kontrolle über die Tag-Erstellung und die Tag-Reihenfolge ist im Quelldokument möglich (beispielsweise über ein Mapping von Formatvorlagen zu Tags wie es rudimentär in Adobe Indesign möglich ist)
-
eine Prüfung auf Barrierefreiheit müsste bereits im Quelldokument möglich sein
-
Artefakte (Elemente, die keine inhaltliche Relevanz besitzen und deswegen weder im Tag-Baum enthalten sind noch von einem Screenreader vorgelesen werden sollen) müssten bereits im Quelldokument gekennzeichnet werden können
-
alles,was ich in der Quelldatei bereits richtig mache, sollte auch korrekt ins PDF übernommen werden (beispielsweise Sprachauszeichnungen oder die Positionierung von Elementen)
-
die Konvertierung kann mit einem Klick erledigt werden, ohne dass ich das barrierefreie PDF anschließend nacharbeiten muss

In Adobe Indesign lassen sich über die Mapping-Möglichkeit Absatzformate zu XML-Tags (und damit indirekt auch zu PDF-Tags) zuordnen.
Kein Wort zum Umfließen?
Dass ich das Umfließen mit keinem Wort erwähne, hat einen schlichten Grund: so wie Adobe die Umfließenfunktion in Acrobat und Reader implementiert hat, ist sie weder WCAG 2.0 konform noch ist sie in der Praxis brauchbar. Ihre Unbrauchbarkeit rührt gerade daher, dass sie auf der physischen Reihenfolge der Elemente und nicht auf der Tag-Reihenfolge beruht. Jeder, der einmal versucht hat, die Reihenfolge für die Umfließenansicht zu korrigieren, und ihm dabei Elemente verloren gegangen sind, weiß, wovon ich spreche. Soviel dazu an dieser Stelle. Das Thema Umfließen ist wichtig, deswegen wird es im Mai einen eigenen Artikel geben.
Fazit
Eine nachhaltige Lösung für das Erstellen barrierefreier PDF-Dokumente müsste das Ziel haben, die Phasen 5 bis 8 des bisherigen Workflow überflüssig zu machen. Eine aufwändige Nacharbeit am Tag-Baum wäre dann nicht mehr notwendig. Jeder, der Word korrekt verwenden kann, sollte in der Lage sein, auch ein barrierefreies und für alle nutzbares PDF-Dokument zu erstellen – nicht aufgrund seiner herausragenden Fähigkeiten oder durch zusätzlichen Aufwand, sondern einfach durch eine Software, die das tut, wozu Sie entwickelt wurde. Wahrheit macht barrierefrei.



Kommentare
Was hälst du denn von der PDF-Funktion in OpenOffice? http://www.oliveira-online.net/wordpress/index.php/2009/12/16/barrierefreie-pdf-dokumente-in-openoffice/
Jan | 05.04.2011
Gute Frage, Jan. Auch für OpenOffice gilt das oben beschriebene: Es gibt einen Zusatzaufwand für das Prüfen und Vervollstandigen (die Phasen 5 bis 8), denn selbst in einem OpenOffice-Quelldokument lassen sich nicht alle Merkmale der Barrierefreiheit anlegen. Ein Vorteil wäre, dass sich darüber Sprachwechsel bereits im Quelldokument auszeichnen und ins PDF übertragen lassen. Nachteile liegen beispielsweise darin, dass man weder Überschriftenzellen in Tabellenspalten noch barrierefreie Fußnoten anlegen kann. Im großen und ganzen funktioniert der OpenOffice Workflow also ebenso nur für "Schönwetter-Dokumente", wie wir sie nennen. Das sind einspaltige Dokumente nur mit Text und Überschriften. Und selbst da benötigt man noch Acrobat zum Festlegen der Tab-Reihenfolge, sobald das Dokument Links enthält.
Markus Erle (Autor) | 06.04.2011
Schöner Einstiegsartikel in die Welt der barrierefreien PDF. Bin gespannt, wie sich Euer neuer Blog entwickelt und wünsche Euch viel Erfolg.
Kerstin Probiesch | 07.04.2011
Prima Idee, dass ihr über dieses Thema ein Blog macht!
Nina Gerling | 07.04.2011
Den Artikel find ich toll, weil mich das Barrierefreie PDF-Erstellten auch schon viel Nerven gekostet hat.
Vorallem dass es in Acrobat hier keien Undo-Funktion gibt ist für mich das schlimmste.
Der Bloq ist sehr gut. weiter so
Matthias Altenhöfer | 13.04.2011
Wie sieht es denn Ihrer Meinung nach im neuen Indesign CS 5.5 aus - hier wurden ja eine ganze Reihe von Problemen adressiert, so dass man mit ein wenig Übung auch komplexe Dokument fast ohne Nacharbeiten als praxistaugliches barrierefreies PDF abspeichern kann (sogar so weit gehend, dass es dem kommenden PDF/UA-Standard entsprechen würde).
Olaf Drümmer | 21.06.2011
Lieber Olaf Drümmer,
die Formulierung ist gut gewählt: "ein praxistaugliches barrierefreies PDF" - das ist bei korrektem Arbeiten aus Indesign CS 5.5 möglich. Kernmerkmale lassen sich tatsächlich bereits in der Quelldatei anlegen. Das betrifft nicht nur Überschriften, sondern auch Links, Listen und Tabellen oder die Kontrolle über die Positionen von Bildern in der Dokumentstruktur. Im Vergleich zu Vorgängerversionen könnte man dies durchaus als Quantensprung bezeichnen.
Und dennoch: für viele Elemente ist man auf Nacharbeit angewiesen. Das betrifft beispielsweise Bildunterschriften, Fußnoten, Inhaltsverzeichnisse. Dort ist man noch ein gutes Stück von PDF/UA-konformen Dokumenten entfernt.
Markus Erle (Autor) | 30.07.2011
Hallo Herr Erle,
wie weit lässt sich die automatische Übernahme von Fußnoten aus InDesign CS 5.5 in eine PDF realisieren und welche Art von Nacharbeit ist notwendig?
Ich suche nach einer Lösung wissenschaftliche Texte mit viele Fußnoten möglichst effizient aus InDesign in ein barrierefreies PDF zu konvertieren.
Reinhard Blaik | 04.08.2011